Mehr Bauhaus pro Kopf gibt es wahrscheinlich nirgends: In Probstzella befindet sich mit dem „Haus des Volkes“ nicht nur das größte Bauhaus-­­Ensemble Thüringens; in dem kleinen Ort gibt es gleich eine ganze Reihe gut erhalte­ner Zeugnisse aus der großen Zeit des Neuen Bauens. Die Konzentration von so viel Moderne – das Vermächtnis des Architekten Alfred Arndt – sichert Probstzella einen Platz auf der Weltkarte der modernen Architekturgeschichte.

Historie

Wie alles begann

Franz Itting und die Volkshaus-Bewegung

Das Bauhaus-Erbe in Probstzella geht maßgeblich auf das Wirken des Unternehmers Franz Itting (1875-1967) zurück. Der Elektroingenieur brachte es in der Region mit Bau und Betrieb von Kohlekraftwerken zu Wohlstand. Doch als engagierter Sozialdemokrat ist Itting zugleich davon überzeugt, dass sein steigendes privates Vermögen auch der Gesellschaft zu­gutekommen sollte.

Franz Itting
Franz Itting begeistert die Idee des Volkshauses, das allen Menschen offensteht.

Ihn begeistert die Idee eines Volkshauses nach Vorbild der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, das mit Kino- und Theatersaal, Restaurant, Bibliothek, Kegelbahn, Räumen für die Vereine des Ortes sowie Sauna und Heilbad der gesamten Bevölkerung offen stehen soll. Die Integration vielfältiger Nutzungen unter einem Dach erfordert komplexe Planung, für die 1925 zunächst der Saalfelder Architekt Hermann Klapproth engagiert wird. 1926 übernimmt der Architekt und Bauhaus-Schüler Alfred Arndt das Projekt und verleiht ihm eine moderne Prägung. Das Haus des Volkes in Probstzella war gewissermaßen ein gut gehütetes Geheimnis der deutschen Architekturgeschichte. Auch wenn das weitläufige Ensemble am Fuße des Thüringer Waldes zu den bedeutendsten Zeugnissen des Bauhaus gehört, wird es nur selten in einem Atemzug mit Dessau und Weimar genannt. Denn aufgrund der Lage im abgeriegelten DDR-Grenzgebiet waren das Haus, sein Name und seine Geschichte über lange Jahre in Vergessenheit geraten.

Chronologie

Haus des Volkes

1925

Auf Initiative des ortsansässigen Unternehmers Franz Itting beginnen die Planungen für ein Volkshaus in Probstzella.

1926

Der Bauhaus-Meisterschüler und Architekt Alfred Arndt übernimmt die Verantwortung für die Errichtung des Hauses und entwirft neben der Innen­einrichtung auch diverse Anbauten.

1927

Am 30. April und am 1. Mai 1927 wird das „Haus des Volkes“ eröffnet.

1927–1945

Das Hauptgebäude wird nach Entwürfen von Alfred Arndt um den Blauen Saal, eine Terrasse mit Kaffeepavillon, einen Musikpavillon, Garagen, einen Gartenkiosk mit Imbissstand für Bratwürste und Zuckerwatte ergänzt. Nach der Machtergreifung der Nazis wird der Schriftzug „Haus des Volkes“ 1936 entfernt. Den Zweiten Weltkrieg übersteht das Gebäude ohne Zerstörungen.

1949–1989

Nach Gründung beider deutschen Staaten und dem Mauerbau wird Probstzella zum Grenzort im Sperrgebiet. In das „Haus des Volkes“ zieht die DDR-Zoll­ver­waltung, doch Gaststätte und Veranstaltungssäle stehen den Bewohnern des Ortes weiterhin zur Verfügung.

1990–2005

Der Schließung des Hauses 1990 folgen Jahre des Verfalls. 2003 erwerben die neuen Eigentümer das Ensemble. 2005 erfolgt dann die Wiedereröffnung.

Vermächtnis für die Zukunft

Das Bauhaus im Grünen

Nach der Wiedervereinigung steht das „Haus des Volkes“ zunächst leer. Die Anerkennung als Kulturdenkmal im Jahr 1995 verhindert nicht, dass der Verfall des ungenutzten Ensembles mangels finanzieller Mittel voranschreitet. Dass der mächtige Bau nicht zur Ruine wurde, sondern heute auf jeder kulturhistorischen Landkarte zu finden ist, verdankt sich heute wie damals dem Engagement ortsansässiger Unternehmer.

Haus des Volkes © Hagmann
Das „Haus des Volkes“ liegt am Grünen Band und gilt als größtes Bauhaus-Denkmal Thüringens.

2003 wird das verlassene Anwesen auf einer Immobilienauktion in Berlin versteigert. Der aus Probstzella stammende Unternehmer Dieter Nagel erwirbt – gemeinsam mit zwei Partnern – den baufälligen Komplex und beginnt mit der schrittweisen Instandsetzung. Nagel setzt sich intensiv mit dem Schicksal von Franz Itting, der Geschichte des Bauhauses und dem Leben des Architekten Alfred Arndt auseinander: Er will nicht nur die einzigartige Architektur des Bauwerks zu neuem Leben erwecken, sondern auch die Idee des Gründers von einem offenen Haus für alle. Anhand von Originalentwürfen werden große Teile der Inneneinrichtung rekonstruiert. Auch die charakteristischen Qualitäten der Bauhaus- Gestaltung kommen wieder zur Geltung. Für die denkmalgerechte Sanierung des Café-Pavillons erhielt Familie Nagel den Deutschen Fassadenpreis. Als Adresse von Freizeit, Erholung, Kultur und Begegnung ist das Bauhaus im Grünen jetzt wieder das, was es immer sein sollte: ein „Haus des Volkes“. Unter diesem historischen Schriftzug begrüßt es seit 2013 auch wieder seine Gäste aus nah und fern, die hier nicht nur bedeutende Architektur erleben können, sondern auch deutsche Geschichte und unberührte Natur. Der ehemalige Grenzstreifen verbindet als „Grünes Band“ jetzt Land und Leute, und auch der Rennsteig, einer der schönsten Wanderwege Deutschlands, ist ganz nah. Ganz gleich, ob kunstsinnige Tagesausflügler oder Naturfreunde – im „Haus des Volkes“ in Probstzella kommen alle auf ihre Kosten. Und genauso war das von jeher gedacht.

8.47 Uhr
ab nach Probstzella …
wie ein Sonntag
in den Ferien.
(Alfred Arndt, Tagebücher)

Personen

Franz Itting
Franz Itting (1875–1967), Elektroingenieur, SPD-Mitglied, Unternehmer in Probstzella

Der Unternehmer und Elektroingenieur Franz Itting (1875-1967) eröffnet im Jahr 1909 sein erstes Elektrizitätswerk in der Region und stößt damit auf reichlich Widerstand. Elektrizität ist den Einwohnern in den Gemeinden um Probstzella nicht geheuer, Itting muss viel Überzeugungsarbeit leisten, um seine Mitmenschen für die moderne Energieversorgung zu gewinnen. Doch nach und nach versorgt er mit seinem Strom die ganze Gegend. Getrieben von dem Wunsch, Probstzellas Bewohner an seinem wachsenden Vermögen teilhaben zu lassen, gibt der bekennende Sozialdemokrat 1925 den Bau eines Volkshauses in Auftrag, das schon bald zum kulturellen Mittelpunkt der Region wird. Franz Itting gilt somit zurecht als Initiator des modernen Bauens in Probstzella.

In den folgenden Jahren wendet sich das Blatt für Franz Itting. Wiederholt ist er politischen Anfeindungen ausgesetzt und wird gleich zweimal inhaftiert, im NS-Regime als „Roter Itting“, nach Kriegsende als „Kapitalist“. Nach seiner zweiten Entlassung wird er schließlich enteignet und die Familie siedelt ins bayerische Ludwigsstadt über.

Der Journalist Roman Grafe griff die Geschichte des „unter beiden Diktaturen“ verfolgten Industriellen auf und schilderte sie in dem Buch „Die Grenze durch Deutschland“, dem Dokumentarfilm „Mehr Licht“ sowie einer gleichnamigen Buch-Biographie. Später folgte im Haus des Volkes Probstzella noch ein Franz-Itting-Museum.

Alfred Arndt
Alfred Arndt (1898–1976), Meisterschüler und Mitarbeiter im Büro von Walter Gropius

Der Bauhaus-Schüler Alfred Arndt, geboren 1898 in Elbing, war 1921 nach einer Ausbildung zum Zeichner an das Bauhaus nach Weimar gekommen, um sich dort zum Maler ausbilden zu lassen. Er nimmt zunächst Unterricht bei Johannes Itten, entzieht sich jedoch der vorgeschlagenen Laufbahn als Töpfer. Zusammen mit dem Bauhaus zieht Arndt 1926 nach Dessau um, wo er auf den Unternehmersohn Gotthardt Itting trifft, der ihm vom Bauvorhaben seines Vaters in Probstzella erzählt. Bei einem Besuch vor Ort kann Arndt den Bauherrn davon überzeugen, anstelle des konservativen Architekturstils der Zeit auf die Formen und Farben des Neuen Bauens zu setzen und übernimmt das Projekt 1926 als Bauleiter. Den bereits fertiggestellten Rohbau kann er nicht mehr verändern, verleiht dem Ensemble jedoch über die Fassadengestaltung, vor allem über die in der Folge entstehenden Ergänzungsbauten, eine moderne Prägung. Auch gestaltet er die komplette Inneneinrichtung nach den Idealen des Bauhauses. Er entwirft eigene Möbel und nutzt Bauhaus-Prototypen als Designvorlage, so den Auflagenstuhl von Marcel Breuer für die Bestuhlung der Räume oder Bauhaus-Textilarbeiten für Stoffe und Vorhänge.

Alfred Arndt und Gertrud Arndt
Alfred Arndt mit seiner Frau, der Bauhaus-Schülerin und Künstlerin Gertrud Arndt

Arndts Engagement im Thüringer Schiefergebirge missfällt seinen Bauhaus-Meistern in Dessau, die für eigene Projekte nicht auf seinen talentierten Umgang mit Farbe verzichten wollen. Doch Arndt bleibt in Probstzella. Dort verantwortet er nicht nur die Fertigstellung und Erweiterung von Ittings Projekt; er kann auch neue Bauherren gewinnen. Im Ort selbst entstehen neben Gewerbebauten auch private Wohnhäuser nach seinen Entwürfen. 1929 wirbt das Bauhaus in Dessau mit dem Posten zur Leitung der Ausbau-Werkstatt erneut um Arndt. Er nimmt das Angebot an, kehrt aber schon 1932 zurück nach Probstzella, als das Bauhaus den Umzug nach Berlin plant. Seine in dieser Zeit entstandenen Möbelentwürfe zeigen, dass für Alfred Arndt vor allem handwerkliche Qualität und Nutzungseigenschaften zählen.

Meisterhäuser
Ausschnitt aus dem Farbplan für die Außengestaltung der drei Meisterhäuser in Dessau, 1926

Die NS-Zeit ist für Arndt eine zwiespältige Erfahrung. Er tritt 1937 in die NSDAP ein und wird zum Propaganda-Leiter des Ortes ernannt. Nach 1945 beginnt auch für ihn eine Phase der Orientierungslosigkeit – er befasst sich sogar mit einer Wiederbelebung des Bauhauses in Weimar. Es sind nicht zuletzt enttäuschende Erfahrungen in Thüringen, die Arndt und seine Familie zum Umzug über Coburg nach Darmstadt bewegen. Dort arbeitet er als Architekt und wendet sich auch wieder der Malerei zu. 1976 stirbt Alfred Arndt nach längerer Krankheit in Darmstadt.

Gertrud Arndt
Gertrud Arndt (1903–2000)
Heute gehören die Zeugnisse des Bauhauses in Probstzella, zum welt­umspannenden Nachlass der Architektur­moderne.

Bauten

Lageplan der Bauten in Probstzella
Haus des Volkes © Hagmann
Das Hauptgebäude heißt heute wieder als Hotel und Restaurant Gäste willkommen und ist zugleich Veranstaltungsadresse.

Das weithin sichtbare Gebäude erhebt sich mit seiner flächigen, nur spärlich gegliederten Hauptfront unter schieferbedecktem Walmdach förmlich über den kleinen Ort. Dass es sich um ein bedeutendes Zeugnis der Bauhaus-Architektur handelt, lässt das monumentale Haupthaus, eine Stahlbetonkonstruktion mit Wänden aus verputztem Mauerwerk, auf den ersten Blick nicht erkennen. Die geht noch auf die ursprünglichen Planungen von Klapproth zurück, die Alfred Arndt nicht mehr grundlegend ändern konnte. Im Inneren überrascht er jedoch mit der farbenfrohen Leichtigkeit des Neuen Bauens. Bei der Gestaltung der Räume erweist sich Alfred Arndt als Meister im Umgang mit Farbe. Im Raumprogramm spiegelt sich die funktionale Integration der verschiedenen Nutzungen.

Itting-Garagen © Hagmann
Die „Itting-Garagen“ werden bis heute gewerblich genutzt und stehen unter Denkmalschutz.
Eine umfassende Gebäude­sanierung wird bis 2020 realisiert.

Mit den Itting-Garagen wagt sich Alfred Arndt 1927 an eine damals recht neue Herausforderung. Das Automobil ist noch längst kein Massenfortbewegungsmittel, sondern das Privileg einer Minderheit. Entsprechend jung ist auch die Bauaufgabe „Garage“, in der sich gleich mehrere Funktionen verbinden. Die Nutzungen für Werkstatt, Tankstelle und Abstellmöglichkeit integriert Alfred Arndt mit seinem Entwurf in einen lang gestreckten, zweigliedrigen Baukörper, dessen Fensterbänder nicht nur die horizontale Ausrichtung, sondern auch den modernen Charakter der Architektur betonen. Die Itting-Garagen sind eines der wenigen original erhaltenen Zeugnisse des Bauhaus-Wirkens in Thüringen und haben die Jahrzehnte weitgehend unbeschadet überstanden.

Kaffeepavillon © Hagmann
Bauhaus mit Echtheits­zertifikat: Der Kaffeepavillon ist mit seinem Zusammenspiel von moderner Architektur und Landschaft ein Kronzeuge für die Qualitäten des Neuen Bauens.

Gartenkiosk © Hagmann
Der Gartenkiosk gehört zu den original erhaltenen Bauten aus der Entstehungszeit des Ensembles. Er ist mit einer für damalige Verhältnisse modernen unterirdischen Zapf- und Kühlanlage ausgestattet.

In Ergänzung zum Haupthaus entstanden in rascher Folge verschiedene Anbauten und Erweiterungen. Sie tragen die Handschrift des Bauhaus-Meisters und umfassen neben einer Terrasse mit Kaffee-Pavillon auch einen Musikpavillon sowie einen Gartenkiosk mit Imbiss-Stand. 1935 kommen auf Wunsch der hier aktiven Vereine sogar hauseigene Schießstände hinzu. Die anmutigen Einzelbauwerke vermitteln zwischen der kraftvollen Architektur des Haupthauses und der üppig begrünten Umgebung. So fügt sich der weitläufige Park mit Spiel- und Sportflächen zu einem gartenkünstlerischen Gesamtensemble mit Volkspark-Charakter und gilt heute als bedeutendes Zeugnis moderner Landschaftsarchitektur des 20. Jahrhunderts.

Neben den Entwürfen für das Haus des Volkes legte Alfred Arndt auch Planungen für mehrere kleinere Projekte in Probstzella vor. Nach diesen entstanden in der Zeit von 1927 bis 1936 Wohn- und Geschäftshäuser für ortsansässige Bauherren. Während sich die in der Weimarer Republik entstandenen Bauten eindeutig der Bauhaus-Moderne zuordnen lassen, verweist das 1936 fertiggestellte Haus Wetter auf lokale Bautraditionen. Auch wenn Alfred Arndt zeitlebens den Idealen des Bauhauses verpflichtet blieb, fand seine zum Teil intensive Beschäftigung mit traditionellen und regional spezifischen Bauweisen und Materialien Eingang in seine Architektur.


größtes Bauhaus-Denkmal Thüringens

Forschung

Wissenschaftliche Tagung

Aus Anlass des 100. Bauhaus-Jubiläums fand am 23.-24.5.19 eine Wissenschaftliche Tagung zum Thema Alfred Arndt – ein Bauhausmeister in der Provinz, im „Haus des Volkes“ in Probstzella statt. In Kürze finden Sie hier Beiträge, die den Stand der Forschung zum „Bauhaus in Probstzella“ dokumentieren.